Gibt’s Sommerfrische noch heute? Was fasziniert daran? Wie fühlt sich “Sommerfrischen” an? Auf der Suche nach einer zeitgenössischen Interpretation dieses nostalgisch-schimmernden Savoir Vivres kommt man an Designerin und Autorin Alexandra Palla kaum vorbei: Mit Ihrer Küche hat sie einen zeitgemäßen und kulinarischen Ausdruck dieses Lebensgefühls gefunden. Dieser lässt sich auch gut auf andere Lebensbereiche übertragen...
Sommerfrische, da kommen Bilder von sommerlicher Leichtigkeit und légèrem Easy Goings im Kreis von Familie und Freunden. Ein unkomplizierter, unbeschwerter Lifestyle abseits des gewohnten Alltags, umgeben von Natur und einem einfacheren Leben. In der Blütezeit der Sommerfrische Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts entflohen viele Städter der sommerlichen Gluthitze ihrer Metropole, indem sie auf Zeit aufs Land zogen. Mit Sack und Pack, mit Kind und Kegel ging es etwa an einen der Salzkammergut Seen, um die zahlreichen Villen und Sommerquartiere zu bevölkern. „Ich sehne mich hinaus wie noch nie“ schrieb bereits Gustav Klimt 1901 an die schon am Attersee weilende Emilie Flöge. Das vermeintlich einfachere Leben mit morgendlichen Schwimmrunden, spontanen Wanderungen und Spaziergängen oder geselligem Beisammensein machte jene Zeit im Jahr und jene Destinationen zu Sehnsuchtsorten, an die man im Alltag mit gewisser Wehmut dachte.
Anders als im Urlaub wird in der Sommerfrische der Wohnsitz temporär verlegt, die Alltagsarbeit weiterverfolgt und eine, wenn zwar auch sommerlich etwas leichtere und weniger termingetriebene Alltagsroutine gepflegt. Ein Lifestyle, der auch heute insbesondere durch individuellere Arbeitsvereinbarungen und Homeoffice-Möglichkeiten sowie dank manch digitalem Gerät wieder gut umsetzbar scheint.
Sommerfrische am Wolfgangsee
Für Alexandra Palla, die seit ihrer Kindheit nach St. Gilgen an den Wolfgangsee auf Sommerfrische fährt, war die sommerliche Stadtflucht schon immer stark mit Kulinarik verbunden. Früh ist sie so mit regionalen Essens-Raffinessen in Berührung gekommen. Alljährlich bezieht sie von Juli bis August ihr Sommerquartier.

Kulinarischer Startpunkt sind bei ihr meist Marillenknödel: „Bei uns kommen sie da das erste Mal im Sommer auf den Tisch und darauf freue ich mich immer sehr.“ Dieser Gaumen(vor)freude kann man nur zustimmen, denn in zarter Topfenteighülle, mit knuspriger Panier aus Semmelbrösel und gerösteten Haselnüssen sind diese ein ganz besonderes Highlight ihrer Sommerfrische-Küche.
Während ihres Sommerfrische-Aufenthalts besucht Alexandra Ab-Hof-Verkäufer*innen und regionale Produzent*innen. Gern wahrgenommener Fixpunkt sind auch die Wochenmärkte der Umgebung, etwa der in Bad Ischl am Freitag. Sommerfrische bedeutet für Alexandra auch Gelegenheit, kulinarische Ausflüge zu unternehmen. Sich Zeit zu nehmen, um Produkte und Lebensmittel genauer zu erkunden und Neues kennenzulernen. Ein Marktbesuch mit ihr wird daher auch zu einem besonderen Erlebnis: Man kommt aus dem Schauen nicht mehr heraus, trifft viele Leute und erfährt ganz beiläufig Einiges über Essen und Region. Die Räucherfische, die sie bei unserem Rundgang über den Markt ersteht, werden wir übrigens wenige Tage später als Fingerfood-Häppchen verkosten.
Lieblingsrezepte für viele Anlässe
Alexandras Sommerfrische-Speiseplan ist unkompliziert und spontan, inspiriert vom saisonalen Gemüse- und Obstangebot, von besonderen Anlässen im Freundes- und Familienkreis und den jeweiligen An- und Abreise-Intervallen ihrer Lieben. In ihrem Kochbuch finden sich da etwa Lieblings-Rezepte für Geburtstags-Festessen, für die Willkommensessen mit den Geschwistern oder geselliges Tafeln am See.
Bei einem solchen kann ich dann auch dabei sein: Am See beim Hotel „Villa Alma“ in St. Gilgen lädt Alexandra zu einem „Sommerfrische-Dinner“. Nach vollmundigem Aperitif und einer flaumigen, mit Salbeizweigen in Öl bestrichenen Focaccia werden wir zur wunderschön gedeckten Tafel am Steg geführt. Wir erwischen einen Platz mit Blick auf den See. Die Bootshaus-Dielenwand, an die wir uns genüsslich lehnen, ist noch ganz warm von der Hitze des Tages. Die Stimmung ist magisch. Umgeben von amüsanten Tischgesprächen genießen wir zunächst ein Kohlrabi-Carpaccio. Die marinierten, hauchdünnen Scheiben sind kunstvoll drapiert und mit gerösteten Nüssen verziert. Dann folgt jenes Gericht, das viele an Kindheitssommer denken lässt: Gefüllte Paprika in Tomatensauce. In Alexandras vegetarischer Variante besteht die Füllung aus Rollgerste und Kräutern. Wer noch Tomatensauce möchte, kann sich aus der reihum gereichten Pfanne einen großen Schöpfer nehmen. Langsam geht die Sonne unter und die Schatten am See werden länger. Eine Lichterkette an der Bootshaus-Wand wird mit den in der beginnenden Dämmerung zart flackernden Tischkerzen zu wohlig-warmem Licht. So fühlt sich also Sommerfrische an: Genussmomente an einem lauen Sommerabend.
Leben im Hier und Jetzt
Das Leben im Hier und Jetzt zu genießen, ist für Alexandra eine der faszinierendsten Facetten von Sommerfrische. Genauso wie eine intensiv erlebte Zeit. Wetterbedingt kann während eines Sommerfrische-Aufenthalts Vieles nicht allzu weit im Voraus geplant werden. Daher muss man aktiver, spontaner und auch lockerer sein. Außerdem ist der Lebensstil reduzierter. Einfachheit, die Alexandra auch sehr genießt: „Man braucht in Wahrheit eigentlich viel weniger, als man im Alltag glaubt zu benötigen.“ Ist das eine Absage an zu viel Zeugs? An zu viel Perfektionismus? Definitiv! Ihre Empfehlung: Lasst euch (mehr) treiben! Außerdem sind so Einfallsreichtum und Kreativität gefragt. In Alexandras Sommerfrische-Küche wird Vieles improvisiert. Es sind keine fancy Küchenmaschinen im Einsatz, sondern die Kraft ihrer Hände und dann und wann auch schon mal eine leere Weinflasche als Nudelholz.
Wenn Ende August die ersten Zwetschken auf den Markt kommen, neigt sich Alexandras Sommerfrische meist dem Ende zu. Der Zwetschken-Fleck mundet allen und die Vorfreude auf nächstes Jahr ist nicht nur kulinarisch entfacht. Von den Erinnerungen an einen genussvollen Sommer zehrt man dann ein ganzes Jahr.
Literaturtipps & Links:
Alexandra Palla: Meine Sommerfrische Küche, Wien: Pichler Verlag 2019.
Web & Shop: www.alexandrapalla.com
Alexandra Palla ist auch Initiatorin des jährlich stattfindenden Austrian Food Blog Awards (ABFA) www.afba.at
Villa Alma in St. Gilgen Villa Alma | A Lakeside Retreat in Salzkammergut




