Der Duft eines frischgespitzten Bleistifts nach Holz, mit der unverkennbaren Brise von Lack und
Graphit weckt bei mir Kindheitserinnerungen: An den Abend vor der Mathe-Schularbeit. An
Lückentexte in Englisch. An die Aufforderung: „Bitte ins Buch arbeiten. Mit Bleistift!“
Im besten Falle liegt ein Bleistift geschmeidig in der Hand. Geschriebenes und Gezeichnetes lässt sich
dann je nach Stärkegrad des Minenkerns dünn kratzend oder schwungvoll aufs Papier bringen. Zu
meinen Bleistiftlieblingen zählen die Triographs von Koh-i-Noor Hardtmuth: Einer in der Stärke 4B
und einer in 2B. Mit ihnen kann ich Gedanken am Papier noch formen, so weich sind ihre Linien und
Striche. Mein achteckiger Versatil Druckbleistift in goldfarbiger Metallummantelung, ebenfalls Koh-i-Noor Hardtmuth, wiegt da schon etwas schwerer: Flüchtige Ideen, profitieren hier von einer
gewissen Erdung.

Die aus New York stammende Caroline Weaver hat ihre Faszination für Bleistifte zum Beruf gemacht:
Ihr Buch „The Pencil Perfect, the untold Story of a Cultural Icon”, ist eine liebevolle Würdigung des
Bleistifts, als heute nicht mehr wegzudenkendes Schreibgerät und Object Nécessaire. Von 2014 bis
2021 führte Caroline in New York mit CW Pencil Enterprise einen Schreibwarenladen, der ganz auf
Bleistifte spezialisiert war. In unserem Zoom-Gespräch hat mir Caroline verraten, was
Bleistifte für sie bedeuten, wie sie die Zukunft des Bleistifts sieht und was sie dem Marvel, dem
holzummantelten Bleistift, wünscht. Ein faszinierendes Gespräch über eines der ältesten
Kommunikationsmittel.
Was Caroline Weaver mit Bleistiften verbindet? Die Freiheit des Ausdrucks. Verbunden ist das für sie mit der Faszination für die Schlichtheit des Designs und die ungemeine Universalität dieses Schreibgeräts: „Egal wo du aufgewachsen bist, egal woher du kommst, jeder Mensch auf diesem Planeten hat Erfahrungen im Gebrauch mit einem Bleistift. Dazu kommt, dass der Bleistift auch ein absolut taktiles Objekt ist und in seiner langen Geschichte keine allzu großen Veränderungen erfahren hat. Das fasziniert mich!“
Schon von Kindheit an waren da immer Bleistifte rund um sie. Zum Schreiben, zum Zeichnen, zum
Malen und sie erinnert sich gerne: „Zwei Dinge standen mir immer zur Verfügung: Bücher und
Schreibmaterial. In meiner Familie haben wir schon immer viel Zeit mit dem Machen von Sachen, mit
Lesen und Schreiben verbracht“. Als sie 2014 beschloss einen Schreibwarenladen nur für Bleistifte zu
eröffnen, trieb sie eine große Neugierde an, mehr über die Entstehung, die Geschichte und
Bedeutung dieses einzigartigen Schreibgeräts herauszufinden. Das einzige Buch, das ihr damals zur
Kulturgeschichte des Bleistifts untergekommen war, war die in 1990iger-Jahren eher als wissenschaftliche
Publikation erschienene „The Pencil. A History of Design and Circumstances“ des US-amerikanischen
Bauingenieurs und Technikhistorikers Henry Petroski.
Als Caroline vom gestalten-Verlag gefragt wurde, ein Buch über die Bedeutung und Kulturgeschichte
des Bleistifts zu schreiben, machte sie sich daran all jene Dinge, die sie über den Bleistift wissen wollte, herauszufinden. Sie sprach mit Leuten aus der Branche, besuchte Archive und reiste viel.
Dabei entdeckte sie auch, dass nach wie vor viele Bleistifthersteller*innen als Familienbetriebe bestehen.
Der Laden war für Caroline eine faszinierende Lebensstation. In den sieben Jahren – von 2014 bis 2021 – wurde CW Pencil Enterprises in Manhattan auch zu einem Knotenpunkt der internationalen Stationery-Community. Das Produkt in ihrem Laden, der Bleistift, war an sich nicht teuer. Menschen kamen daher selten nur wegen eines Bleistifts. Caroline erinnert sich an zahlreiche schöne Gespräche und Geschichten, die ihre Kund*innen mit ihr geteilt und ihr anvertraut haben und an wunderbaren Austausch in einer familiären und untereinander sehr wertschätzenden Community. Ihre Expertise über die internationale Historie und Bedeutung von Bleistiften und das umfassende Know How, das sie beim Management ihres Spezialitätenladens erwarb, setzt Caroline aktuell auch in der Strategie- und Kommunikationsberatung kleinerer Shops ein: Anfragen kommen aus der ganzen Welt. Viele ihrer Kund*innen sind auf Schreibwaren und Stationery-Produkte spezialisiert. Doch zählen auch branchenübergreifende Spezialitätenläden zu ihren Klient*innen, mit Geschäften, die sich auf ein Produkt oder ganz bestimmte Produkte spezialisiert haben.
Was wünscht Caroline dem Marvel für die Zukunft? „Ich hoffe, er verschwindet nie! Aber ich bin optimistisch, denn ich glaube, es wird immer Verwendung für einen Bleistift und ein Blatt Papier geben. Und Menschen, die danach verlangen und Freude haben, sie zu verwenden.“
“The Pencil Perfect, the untold Story of a Cultural Icon”
Der Bleistift, Star der Schulbedarfslisten muss inzwischen um Aufmerksamkeit kämpfen, da es so
viele Formen und Möglichkeiten des Schreibens gibt. Fest steht jedoch: Das Schreiben mit Bleistift
ermöglicht ein sinnlich-sensorisches Schreiberlebnis. Mit einem Bleistift lässt sich beim Schreiben
Unmittelbarkeit herstellen, da alle Sinne sind gefragt sind: Wir riechen das Holz, der Graphitkern
fühlt sich beim Schreiben je nach Härtegrad unterschiedlich an. Mit einem Radierer erzeugen wir
Reibung und Wärme und können Geschriebenes verschwinden lassen. Mit einem Spitzer feilen wir an
der perfekten Spitze …
Auch im kulturgeschichtlichen Kontext ist der Bleistift faszinierend zeitlos: Von politischem, sozialem
oder technischem Wandel nahezu unberührt, strahlt der Bleistift durch seine Verfügbarkeit etwas
Verlässliches und Vertrautes aus. Denn der Bleistift ist einsatzbereit, selbst wenn das Telefon tot oder
die Feder keine Tinte hat. Caroline Weaver nimmt ihre Lesenden mit auf eine faszinierende Reise durch Zeiten, Weltregionen und Bedeutungshorizonte des Bleistifts und ergänzt diese immer wieder mit interessanten Bleistift-Facts zu den einzelnen Elementen eines Bleistifts, zu seiner Produktion und Gestaltung.
Faszinierend ist vor allem auch die frühe Bleistift-Geschichte: Zur Geburtsstunde des Bleistifts
im 16./17. Jahrhundert, mit der Entdeckung von Graphit in England war dieser ein
mit Bast umwickelter Graphitkern. Radiert wurde mit Brotkrumen. Dann ein Schwenk zur alten
Handelsstadt Nürnberg, die mit den Manufakturen von Staedtler und Faber-Castell frühes Zentrum
der Bleistiftproduktion und Ursprungsort des holzummantelten Bleistifts war. Weiter geht´s zur Pariser
Weltausstellung, Anfang des 19. Jahrhunderts, als der gelb lackierte Koh-i-Noor 1500 von Franz
Hardtmuth, Fabrikant aus Budweis, mit güldenem Endstück als erster lackierter Bleistift präsentiert
wurde. „The Pencil Perfect, the untold Story of a Cultural Icon” ist angenehm kurzweilig zu lesen und wunderschön zum Durchblättern. Bebildert ist das Buch mit Bleistiftskizzen.
Caroline Weaver
Als Kind träumte Caroline von einem Set Caran d´Ache Prismalo Farbstifte. Ab da entwickelte sich
ihre Liebe für den Bleistift und sie begann enormes Wissen darüber zu sammeln. Nachdem sie viel
gereist war, um die besten Bleistifte zu finden, eröffnete sie 2014 ihren Laden in Manhattan, New
York. Caroline lebt in East Village, Manhattan und hat ein Bleistift-Tattoo am Vorderarm.
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Links:
The Pencil perfect – The Untold Story of a Cultural Icon


