Papier ist ein wunderbares Material und ein faszinierender Werkstoff. All unsere Sinne sind gefragt, will man Papier genussvoll wahrnehmen, die Farben sehen, Oberflächen ertasten oder Grammaturen spüren. Unvergleichlich wird dieses Erlebnis, kommt auch noch der Duft von „frischem“ Papier dazu…Vergangenen Sommer besuchte Clärchen die Büttenpapierfabrik Gmund. Seit 200 Jahren wird hier, nahe dem Tegernsee Papier hergestellt. Beim Gang durch die Werkshallen ließ sie sich gerne papierverzaubern.

Mit dem Zug von München ist Gmund leicht zu erreichen. Es ist noch früh am Morgen und ich suche das Zugabteil, das zum Tegernsee fährt. Dörfer, Wiesen und Felder ziehen vorbei. Nach gut einer Stunde Fahrt bin ich da. Zu Fuß geht´s der Mangfall, einem Abfluss des Tegernsees entlang. Auf der linken Straßenseite taucht die Papierfabrik auf. „Büttenpapierfabrik Gmund“ steht in großen Lettern auf dem Gebäude. Selbstbewusst erhebt sich dieses von der Flussebene mehrere Stockwerke zur Straße empor. Von der Brücke aus kann ich Wehr und Wasserräder sehen.
1829 errichtet, ist die Papierfabrik bereits in 4. Generation in Besitz von Gründerfamilie Kohler. Faszinierende Geschichten begleiten ihre Geschichte: So war die Papierfabrik Hoflieferant*in für den Bayrischen Hof oder kamen fünf Jahre lang die goldenen Umschläge für die Oscar-Gala aus Gmund. Sie machten das Rennen, da sie im Scheinwerferlicht der Show besonders schön funkelten.
Ich bin mit Gmund-Kommunikationsleiterin Sabine Huber verabredet. Unsere Tour durch die Fabrik starten wir beim Pulper im Kellergeschoß. Hier wird der Zellstoff, dem je nach Papierart auch zusätzliche Pflanzenfasern wie Hanf, Gras bis hin zu Hopfen zugesetzt werden können, aufgelöst und zu einem Brei verkocht. Bei bestimmten Papierarten wird Zellulose überhaupt in größeren Mengen durch bestimmte Naturstoffe ersetzt, was dann auch namensgebend für einzelne Sorten ist. Etwa das Hanfpapier von Gmund.
In gefliesten Bottichen in der Farbküche nebenan werden nach wohlgehüteten Rezepturen die Farben für die Gmund-Papiere gemischt. Zahlreiche Schläuche hängen an den Apparaturen. Der Boden rund um die Maschine ist übersäht mit bunten Farbspritzern und verleiht dem Raum Atelier-Charme. Das Portfolio von Gmund Colors umfasst 48 Farben. Ab einer Bestellmenge von 3 Tonnen Papier können Kund*innen auch eigene Farbtöne einsetzen. Blautöne sind besonders gefragt.
Weiter geht´s zum Büttenraum. Mit Blick auf die Mangfall trifft hier Vergangenheit auf Zukunft. Ein Holländer in Kleinformat, historischer Vorgänger des Pulpers, ist hier zu sehen. Durch den Raum sind Leinen gespannt und erinnern an den Trockenboden einer alten Papiermühle. Auf einem Wandboard blicken wir aber in die Zukunft: Mit dem Gmund-Award prämierte Kund*innen-Projekte sind hier ausgestellt und geben Einblick, was mit Papier, von der Verpackung bis zum Druckwerk möglich ist. Große Marken sind darunter und viele innovative Projekte. Gerade beim Einsatz alternativer Naturfasern ist man in Gmund besonders experimentierfreudig: Im Green Fibre Lab wird an verschiedensten Rezepturen getüftelt.
Nächster Stopp: Die Papiermaschinen. Davon gibt´s zwei. Eine ist eine richtige Grande Dame. Wuchtig füllt sie einen langgezogenen Raum und man kann sich das Staunen der Gmunder Bürger über die riesigen Maschinenteile richtig vorstellen, als diese mit der Eisenbahn im Ort ankamen. Auch heute ist die Maschine noch fest in die Produktion eingebunden. Ganz bewusst versucht man traditionelles Know-how, das für Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten nötig ist zu dokumentieren und weiterzugeben. Besonders herausfordernd ist es aber immer, wenn Teile ausgetauscht oder erneuert werden müssen. Denn diese sind von Hand zu fertigen und einzupassen.
Was hier Rädchen und imposante Maschinenteile, ist bei der neuen Papiermaschine die Elektronik. Geschäftig summend durchläuft das Papier die verschiedenen Siebpartien, um am Ende von Saal und Maschine als fertige Meterware auf Rollen ins Lager gehievt zu werden. Dieses durchqueren wir dann auch und ich fühle mich wie in einer Schatzkammer: Rolle an Rolle, bis zum Plafond gestapelt, nach Farbtönen und Nuancen geordnet. Ein Paradies für jede* n Papierliebhaber*in. Von Lieferengpässen durch Energie- oder Rohstoffknappheit ist hier nichts zu spüren. Darauf ist man in Gmund auch stolz: Bereits seit Jahrzehnten setzt man auf alternative Energiequellen und mittlerweile können 75 Prozent der für die Papierherstellung benötigten Energie aus eigener Produktion gedeckt werden. Ein Engagement, das sich auszahlt, für Umwelt und Unternehmen!
Im angrenzenden Papiersaal erfolgt der Zuschnitt in Meterware. Es herrscht geschäftiges Treiben. In den Gängen stehen Papierstapel mit Auftragszettel, daneben bereits konfektionierte Ware. Die Sendungen gehen in die ganze Welt. An großen Tischen wird jeder Bogen vor der Auslieferung von Hand auf Qualität überprüft. Auch hier fühlt man sich an die alten Mühlen oder frühen Fabriken erinnert, wo Papier nach eingehender Kontrolle zu „Bausch und Bogen“ zusammengestellt wurde.
Eine weitere „Schatzkammer“ eröffnet sich im Musterraum. Dieser ist Schrank um Schrank, vollgefüllt mit Papierproben und Musterbögen. Kollektionskataloge liegen hier griffbereit.
Bei einem Kaffee im Fabrikrestaurant „Mangfallblau“ lassen Sabine Huber und ich unseren Rundgang ausklingen. Hier im ehemaligen Zellstofflager trifft Gemütlichkeit auf urbanen Industrial Chic. Was Sabine Huber persönlich an Papier fasziniert? „Seine Sinnlichkeit und Wertigkeit. Außerdem ist Papier ein sehr sympathisches Produkt“. Was die Zukunft betrifft, ist Sabine Huber überzeugt, dass Papier vor allem von seiner Vielseitigkeit und Nachhaltigkeit profitiert, um etwa bei Verpackungen andere, weniger nachhaltige Materialien zu ersetzen.
Gmund Facts
130 Mitarbeiter*innen arbeiten derzeit in der Büttenpapierfabrik Gmund. 100.000 verschiedene Papiersorten sind im Sortiment von Gmund, jährlich kommen 2-3 Papier-Kollektionen auf den Markt. Alle in Gmund gefertigten Papier sind Naturpapiere und nachhaltig produziert und FFP-zertifiziert. 75 Prozent des erzeugten Papiers gehen in den internationalen Export, vor allem an B2B-Kund*innen.
Die hauseigene Kreativagentur setzt Kundenwünsche um. Letterpress-Drucke inklusive.
2021 wurde das Hanfpapier von Gmund mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis prämiert.
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