“Die Josefine” ist ein Wiener Hotel, das 1896 erbaut und nach seiner ersten Besitzerin Josefine de Bourblanc benannt ist. Vor nicht allzu langer Zeit wurde es im Glamour der 1920er- und 1930er-Jahre revitalisiert und wieder eröffnet. Im Gespräch mit Journalistin und Autorin Eva Gogala versuche ich dem Faszinosum besonderer Hotels auf die Spur zu kommen. In ihrem Buch „Die Wiener Grand Hotels und ihre Gäste“ präsentiert sie diese als Orte faszinierender Geschichte und Geschichten sowie als Bühne berührender, skurriler, komischer oder tragischer Episoden und Ereignisse.

„In der Phonothek proben junge Schauspieler Theaterstücke, dadaistische Poeten werfen krude Wörter an die Wand. Französische Künstlerfreunde kommen zu Besuch. […]
Die Räume füllen sich mit Geschichten. Ein Gast schwört, dass sein Bett bei genauerer Betrachtung der Rücken eines Nilpferdes sei. Ein anderer bringt sein preisgekröntes Schaf ins Hotel und nennt es Josefine. Eine ältere Frau checkt ein und verlässt das Hotel am nächsten Morgen als junges Mädchen. Josefine füllt ihr Tagebuch mit Anekdoten. Realität und Fiktion vermischen sich. Surreal, gewagt, magisch. Ein Zauber, der bis heute erhalten ist. Wandeln Sie auf den Spuren von Josefine. Werden Sie Teil des Ganzen. Schreiben Sie die Geschichte weiter.”
(aus: Your Journey begins. Willkommensbüchlein im Hotel Josefine)
Frau Gogala, was interessiert Sie persönlich an Hotels?
Deren individueller Charme und ihre Geschichten. Obwohl an der Hilton-Philosophie natürlich schon auch etwas dran ist, wonach man sich, egal wo auf der Welt, in jedem Zimmer der Hilton-Gruppe mit geschlossenen Augen zurechtfinden soll… Doch wenn man es individueller mag, gibt es zahlreiche bezaubernde Hotels, die zeigen wie man sich von Geschichte und Geschichten faszinieren lassen kann.
Warum übt/üben Geschichte(n) noch immer so eine Faszination auf uns aus?
Sicher hat das damit zu tun, dass Hotels immer auch eine Heimat auf Zeit sind. An einem fremden Ort sucht man etwas zum Wohlfühlen. Und wenn man in dieser Privatheit plötzlich bemerkt, dass man Teil von etwas Großem ist, von Geschichten und Geschichte, dann ist das faszinierend. Man wird auf einer anderen, einer ganz persönlichen Ebene angesprochen.
Historische Elemente, etwa aus dem Jugendstil, Art Déco oder Klassizismus besitzen noch immer Strahlkraft und werden gerne als „Chic“-Elemente eingesetzt …
Sie sind damit Teil dieses Ambientes und der Kulisse, jener „Unterbringungskulisse“. Gerade Tourist*innen, die nach Wien kommen, möchten Geschichte erleben. So eine Umgebung begegnet diesem Bedürfnis perfekt. Doch es gibt ja auch Historisches, das verfälscht und als Kitsch daherkommt. Daher muss man schon aufpassen, dass es halbwegs authentisch ist und eine gewisse Echtheit hat. Auch der Begriff “Grandhotel” ist wieder en Vogue … Diese Titulierung eines Hotels unterstützt natürlich die Nostalgie- „Kulisse“ und beflügelt die Phantasie. Die Gäste kommen und unternehmen eine kleine Zeitreise im Kopf. Sie können überlegen: Wer war schon mal da? Ich stelle mir z.B. auch gerne vor, wie es wohl vor 80 / 100 / 200 Jahren da war? Damit unternimmt man zusätzlich zu der Reise, auf der man sich ohnehin schon befindet auch eine Reise im Kopf. Das fasziniert. Was waren Ihre Erfahrungen bei der Recherche zu Ihrem Buch? Die Wertigkeit, die der Geschichte und den Geschichten in den einzelnen Häuser beigemessen wird, ist ganz unterschiedlich. Ich finde, das ist im jeweiligen Haus auch spürbar. Manche Besitzer*innen / Inhaber*innen legen sehr wohl Wert darauf. Das sind auch jene Betriebe, die Geschichte und Geschichten in ihrer Unternehmensphilosophie bewusst verankern.
Was waren die interessantesten Quellen bei Ihrer Recherche?
Das waren meistens die Häuser, wo es (noch) einen Besitzerin gab und dieser mit mir gesprochen hat. Man spürte das Herzblut und dass das Bewahren der hauseigenen Geschichte ein wirkliches Anliegen ist. Geschäftsführer*innen oder Direktor*innen haben da oft vielleicht einen anderen Zugang. Außerdem gibt es in kleineren oder inhaber*innengeführten Hotels ganz andere Gestaltungsmöglichkeiten als in den Hotels großer Ketten, wo es strenge Normen, Standards und Regeln gibt.
An was erinnern Sie sich gerne?
An die Vielfalt der Hotels. Das Wahrnehmen des ganz spezifischen Charmes und an die ganz unterschiedlichen Menschen, die als Gäste da sind. Ein Hotel ist ja immer auch eine Bühne und das hat mich interessiert. Außerdem konnte ich die Stadt durch diese Häuser auch ein Stück weit neu kennenlernen. Das hat mich auch sehr fasziniert.
Eva Gogala, Die Wiener Grand Hotels und ihre Gäste. Die Menschen. Die Geschichten. Wien: Metroverlag, 2013.
Link:
Hotel Josefine


